Schüler:innen der Gesamtschule auf dem jüd. Friedhof – Reinhard Kamp rechts im Bild (Bild: Matthias Hartmann)
von Matthias Hartmann
Unter dem Leitgedanken „Nie wieder ist jetzt!“ begaben sich die Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 10 der Gesamtschule Salzkotten auf eine besondere Zeitreise durch ihre Heimatstadt. Im Rahmen mehrerer Stadtführungen mit Reinhard Kamp, Mitglied im Verein „Judentum in Salzkotten“, erhielten sie eindrucksvolle Einblicke in die Geschichte des jüdischen Lebens in Salzkotten – von den ersten Ansiedlungen bis zur Zerstörung der Gemeinde in der Zeit des Nationalsozialismus. Der 1988 gegründete Verein „Judentum in Salzkotten“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde Salzkottens zu erforschen und ihr Andenken aufrecht zu erhalten. Zur Erinnerung an die jüdischen Opfer des NS-Regimes und der deportierten ehemaligen Bürgerinnen und Bürger richtet der Verein in jedem Jahr eine Gedenkfeier am Isaak-Auerbach-Platz in Salzkotten aus.
Startpunkt der Führung war die Ölmühle im Franz-Kleine-Park. Von dort aus führte Reinhard Kamp die Gruppe zu weiteren Stationen, die die Spuren jüdischen Lebens im Stadtbild sichtbar machen. Bereits am ältesten jüdischen Friedhof im Franz-Kleine-Park wurde deutlich, wie weit die Geschichte der jüdischen Gemeinde zurückreicht. Seit dem 17. Jahrhundert sind Juden in Salzkotten nachweisbar, ihre Wurzeln reichen jedoch vermutlich noch weiter zurück. Reinhard Kamp erklärte den Schülerinnen und Schülern, warum die jüdischen Friedhöfe im ausgehenden Mittelalter außerhalb der Stadtmauern angelegt wurden, welche religiöse Bedeutung die dauerhafte Totenruhe im Judentum hat und warum die Ausrichtung der Gräber nach Jerusalem erfolgt.
Ein besonders bewegender Teil des Rundgangs waren die Stationen an den sogenannten Stolpersteinen. Die kleinen Messingtafeln, 2009 und 2011 von Gunter Demnig im Boden verlegt, erinnern an Menschen, die einst mitten in der Stadt lebten und Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Das Projekt des Künstlers gilt inzwischen als größtes dezentrales Mahnmal der Welt. Besonders bewegend waren die Geschichten der Familien Goldschmidt, Cohn und Auerbach. An ihren Familiengeschichten wurde deutlich, wie schnell sich das Leben der jüdischen Bevölkerung durch Ausgrenzung, Gewalt und Entrechtung veränderte. Die persönlichen Schicksale machten so die lokale Geschichte für die Schülerinnen und Schüler greifbar – von der erzwungenen Auswanderung über die Haft in den Konzentrationslagern bis hin zur Ermordung.
Im Rahmen der Führung wies Reinhard Kamp im Zusammenhang mit den Stolpersteinen auch auf moderne digitale Vermittlungsformen hin. “Schließlich sind digitale Medien selbstverständlicher Teil des Alltags, vor allem der jüngeren Menschen“, so Kamp. Über eine App können Interessierte zusätzliche Inhalte wie Bilder und Audiobeiträge zu den Stolpersteinen in Salzkotten abrufen. Mehr dazu im Internet unter www.stolpersteine-guide.de.
Ein weiterer Halt war der Standort der ehemaligen Synagoge in der Vielser Straße. Hier schilderte Reinhard Kamp eindringlich die Ereignisse im November 1938, dem Monat, in dem das Gotteshaus durch Brandstiftung zerstört wurde. Heute erinnert ein Mahnmal an die einstige jüdische Gemeinde, die 1942 endgültig ausgelöscht wurde.
Den Abschluss des Stadtrundgangs bildete der jüdische Friedhof an der Schützenstraße – ein stiller Ort des Gedenkens, an dem die männlichen Teilnehmer aus Respekt eine Kopfbedeckung trugen. Dort wurde nochmals deutlich, dass es heute keine jüdische Gemeinde mehr in Salzkotten gibt – ein Umstand, der viele der Jugendlichen nachdenklich stimmte.
Die Schülerinnen und Schüler zeigten sich beeindruckt von der Führung. „Der Rundgang mit Herrn Kamp war sehr interessant. Nun sehe ich einige Plätze und Straßen der Stadt mit anderen Augen“, sagte eine Teilnehmerin. Ein anderer Schüler betonte: „Man kann sich nochmal vergegenwärtigen, wie sich Ausgrenzung und Verfolgung abgespielt haben. Ich bin überzeugt, dass diese Art von Geschichtsvermittlung Jugendliche erreicht.“
Die Stadtführung mit Reinhard Kamp zeigt eindrucksvoll, wie wichtig Erinnerungsarbeit ist – gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus wieder zunimmt. Sie macht lokale Geschichte sichtbar und mahnt zugleich, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.